広島大学総合科学部紀要. V, 言語文化研究 10 巻
1985-02-28 発行

生の一回性と反復性 : トーマス・マンのヨゼフ物語の場合

Das Leben: Einmaligkeit und Wiederholung : Thomas Manns „Joseph und seine Brüder"
全文
656 KB
StudLangCult_10_246.pdf
Abstract
Den Romanen „Joseph und seine Brüder" von Thomas Mann liegt die Ansicht zugrunde, daß das Leben des Menschen, wenn wir es auch einmalig, individuell finden, nur eine Wiederholung des mythischen Schemas, des Typus in uralten Zeiten ist. Es ist aber nicht selbstverständlich, was „einmalig" und „Wiederholung" bedeuten. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Erklärung, daß man von zwei verschiedenen Standpunkten aus über die Einmaligkeit und die Wiederholung sprechen und auf diesen sich eine je andere Lebensauffassung bilden kann.

In den Joseph-Romanen zeigt Thomas Mann eine psychologische Deutung des Mythus. Dabei spielt die „Erkenntnis" eine große Rolle. Ein treffendes Beispiel ist Abrahams Entdeckung Gottes. Thomas Mann will den Gottesbegriff aus der Entdeckung der Menschlichkeit herleiten: Abrahams Ich sei so groß gewesen, daß er den höchsten Gott als seinen Herrn entdeckt habe. Indem er die Eigenschaften Gottes - und damit Gott selbst - erkannt, gelehrt und denkend verwirklicht habe, sei er ihr Erzeuger, Gottes Vater, gewesen. Durch das Erkennen wird das Transzendente dem Bewußtsein des Menschen immanent.

Diese enge Beziehung zwischen Gott und Mensch bestätigt Thomas Mann mit der Lehre vom „Rollen der Sphäre": die Sphäre rollt, Oben wird bald Unten, und Unten Oben. Das Himmlische wandelt sich ins Irdische und das Irdische ins Himmlische. Götter können Menschen werden. Menschen dagegen wieder Götter. Aber wir müssen hier unsere Aufmerksamkeit darauf richten, daß man das Sphärenrollen nur dann beobachten kann, wenn man außerhalb der Sphäre diese als Gegenstand erkennt: in der Sphäre selbst stehend kann man ihre Drehung nicht sehen. Die Erklärung des Sphärenrollens wird erst durch das Erkennen ermöglicht.

Was Joseph bei seinem ältesten Knecht Eliezer lernt, ist dieses „Erkennen": Joseph ist der Mann der Erkenntnis: er sieht den Verlauf seines Lebens durch das mythische Schema im voraus.

Die schematische Wiederholung des Mythus drückt Thomas Mann mit dem Begriff „gelebtem Mythus" aus. Dabei gibt es zweierlei: die bewußte Wiederholung und die unbewußte. Thomas Manns Joseph vergegenwärtigt bewußt den Tammuz-Osiris-Mythus. den Auferstehungsmythus. in seiner Person: er ist sich seiner Typik bewußt. Außer Joseph zählt Thomas Mann Napoleon und Jesus zum bewußten Nachfolger. Hier entsteht aber eine große Problematik.

Thomas Mann stellt Napoleons mythische Identifizierung mit Karl dem Großen dar:„... als er sich fürs Abendland entschieden hatte, erklärte er: ,Ich bin Karl der Große.' Wohl gemerkt - nicht etwa: ,Ich erinnere an ihn'; nicht: ,Meine Stellung ist der seinen ähnlich.' Auch nicht: ,Ich bin wie er': sondern einfach: ,Ich bin's.' Das ist die Formel des Mythus" (IX, 496). Diese Erklärung beweist aber - im Gegensatz zu Thomas Manns Absicht - das Gegenteil seiner Äußerung.

Wenn Napoleon gesagt hätte: "Ich bin wie er". hätte er sich als dritter Erkennender mit Karl d. G. verglichen: er hätte Karl d. G. wiederholt. Aber Napoleon sagte: "Ich bin Karl der Große." Das ist ein völliges Sichidentifizieren mit Karl d. G.: er hatte dasselbe Erlebnis wie Karl d. G.. Eben deshalb war Napoleons Erlebnis einund erstmalig, wie das Karls d. G. es gewesen war. Nicht Napoleon selbst, sondern nur der Dritte, der beide Helden erkennend vergleicht, kann über die Wiederholung sprechen.

Nach Thomas Mann ist das Kreuzeswort Jesu: „Eli, Eii, lama asabthani?" nicht originell, kein spontaner Schrei, sondern ein Zitat aus dem 22. Psalm, der Verkündigung des Messias. Aber eben darin, daß er selbstverneinend nur zitierte, besteht seine einmalige Eigentümlichkeit. Sein Erlebnis am Kreuz ist sein eigenes, originelles und einziges, kein wiederholtes.

Im Gegensatz dazu wiederholt Thomas Manns Joseph aus der Mythuskenntnis die gegebene Formel: er vergleicht sein Leben mit den mythischen Vorbildern.

Die Wiederholung besteht im Bereich des Erkennens; die Einmaligkeit im Bereich des Erlebens.

Dagegen kann man vielleicht den Einspruch erheben, daß diese Termini beide Seiten einer Sache bedeuten. Aber der Unterschied zwischen ihnen bringt eine wichtige Folge, wovon wir uns durch die Szene des Brandopfers überzeugen können. Jaakob vernimmt im Traum, wie Abraham, den Befehl Gottes und stürzt vor Schrecken und Angst zu Boden. Joseph meint dagegen, indem er Abrahams Beispiel heranzieht, daß Jaakob auf die Stimme und auf den Widder hätte vertrauen mögen. Jaakob erwidert, daß er es nicht gewußt habe und die Geschichte noch nicht geschehen sei. Die von Josephs Erkenntnis eingeklammerte Stimme Gottes ist für Jaakob unbekannt. Der Typus wird zwar wiederholt, aber jedesmal einmalig neu erlebt. Die Einmaligkeit und die Wiederholung, jede bringt uns eine -je andere Lebensauffassung.