Studies in European and American Cultures Issue 16
2009-12-13 発行

アンナ・ルイーザ・カルシュの神話化と脱神話化

Mythologisierung und Entmythologisierung der Karschin
Sato, Masaki
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abstract
Anna Louisa Karsch's 46zeiliges Gedicht „Belloisens Lebenslauf" ist eine der seit 1761 geschriebenen sechs einigermaßen geschlossenen (Auto)biographien der Dichterin. Dieses Gedicht enthält einige „mythologische" Elemente, obwohl sie für dieses knappe Gedicht nur wenige besonders bedeutsame „wirkliche" Erlebnisse sorgfältig ausgewählt haben muss, denn die Gunst der Musen sei der Dichterin schon ,,vor dem Geburt" versprochen gewesen. Karsch wurde als eine Dichterin von Natur aus, das Kind der Natur, ja, als ein Genie angepriesen und zugleich auch als ein lebendiges Beispiel der These genommen, ein Genie könne nicht durch Erziehung und Regeln gebildet werden.

Die Dichterin hat die Begegnung mit einem Rinderhirten während des Viehhütens zwar nicht ins Gedicht aufgenommen, aber dieses Ereigniss tritt in allen anderen fünf (Auto)biographien auf und verstärkt den Trend der Mythologisierung der Dichterin. Eines Tages, als sie drei Kühe trieb, sah sie jenseits des Baches einen Hirtenknaben anderen Schäfern ein Buch vorlesen, ein Buch als Sinnbild der Kultur bzw. aufgeklärten Menschen.

Diese Szene verwandelt sich aber in einem Entwurf der Autobiographie von 1789 in die Buchvorlesung vor den rings um ihn stehenden Rindern, und zuletzt in der großen Biographie, die von der Tochter Karoline als Einführung in die Gedichtsammlung ihrer Mutter (1792) abgefasst wurde, geht es darum, dass sich das Mädchen unter der Führung einer davonlaufenden Kuh, einer Gotteskuh, unerwartet in eine unbekannte Weide findet: ein Paradies in Barockmanier. Hier sind Gott, Natur und Genie als ein Satz Begriffe vorgestellt.

Trotz der Aufklärungsprogramme hatte Karsch zeitlebens keine Gelegenheit, zur Schule zu gehen, geschweige denn eine Poetik zu erlernen. Nun schrieb sie wohl eine Menge Gelegenheitsgedichte, die hoch im Kurs standen, aber die Dichterin, die als Wunderkind gepriesen wurde, konnte kein „richtiges" Deutsch schreiben. Moses Mendelssohn und Herder warnten vor diesem Geniekult eben deshalb ernst, weil sie viele Vorzüge der Dichterin und deren Werke hoch schätzten. Sie sprachen dem Publikum zu, man solle mit Geduld warten, bis sie sich in Dichten geübt und zur reifen Dichterin werde. Andererseits rieten sie der Dichterin, sie solle lernen, vor großen literarischen Leistungen der Vergangenheit demütig zu sein, und solle auch ihre Zeit und Gabe für die Dichtkunst nicht vergeuden.